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View Full Version : Herr Odogwu, bitte melden!


Rob
27 January 2008, 19:32
http://www.ksta.de/html/artikel/1182933887891.shtml

Herr Odogwu, bitte melden!
VON DETLEF SCHMALENBERG, 09.07.07, 20:25h, AKTUALISIERT 10.07.07, 10:36h


Die Amsterdamer Gracht ist echt, die Papiere sind es nicht: „Dokumente“, die die „Nigeria Connection“ übermittelte.


Der Ort scheint gut gewählt für ein Geschäft dieser Größenordnung. Majestätisch reckt sich das Victoria-Hotel in den Himmel von Amsterdam. Mitten im Herzen der Stadt, die historische Gründerzeit-Fassade aus dem Jahre 1890 sorgfältig erhalten, im Inneren ausgestattet mit Marmorböden und daumendicken Teppichen, warten elf edelholzgetäfelte Konferenzräume auf internationale Business-Kunden.

„Ich muss jetzt leider gehen. Sie wissen schon, noch ein Meeting“, sagt der Herr im dunklen Maßanzug und lächelt. Mit weißem Seidenhemd und silbernen Manschettenknöpfen passt er perfekt ins Ambiente des Luxushotels. Für ein kurzes „Welcome“ hatte er mich per Handy in die Lobby bestellt. Jetzt also darf ich die Leute kennen lernen, die mich für dieses grandiose Geschäft ausgesucht haben: Es geht um eine Erbschaft, 12,5 Millionen Dollar, die Papiere sollen heute unterzeichnet werden.

„Schön, dass wir uns mal sehen“, sage ich. Die Gebühr für den Millionendeal, schlappe 15 600 Euro, würden gleich eintreffen. „Ein Freund bringt das Geld, er wird bald hier sein“, versichere ich. „Sehr gut, willkommen, ich muss jetzt gehen“, wiederholt der Anzugmann in bestem Englisch. Sein „Protokoll-Offizier“ werde „in Kürze“ vor dem Haupteingang des Hotels vorfahren, um mich in der Dienstlimousine zum Ort des Vertragsabschlusses zu bringen. „Wie schade“, denke ich, „die Besprechung ist gar nicht hier, schon wieder Schluss mit Luxus.“

Köln, Amsterdamer Straße, fünf Wochen zuvor. „Lieber Freund, ich vermute, dass dieses Schreiben eine Überraschung für Sie sein wird“, heißt es in einer E-Mail, unterzeichnet hat ein gewisser Richard Odogwu. Der Mann ist „Provinz-Direktor“ der „Standard Bank“ von Südafrika. Schreibt er jedenfalls. Und dort sei er bei einer Routinekontrolle auf ein Konto mit „$ 12 500 000 (zwölf Millionen fünfhunderttausend US-Dollar)“ gestoßen.

Das Geld habe einem Deutschen gehört, dem „Herrn Becker“, der aber leider verstorben sei. Es gebe keinen Erben. Deshalb könnte ich mich als Verwandter des Toten ausgeben. Herr Odogwu hat beste Kontakte. Schreibt er. Die notwendigen Dokumente bei südafrikanischen Behörden könne er beschaffen, kein Problem. Wenn das Geld dann fließt, wird geteilt. „Sie erhalten 30% der Erbschaftssumme und die restlichen 70% teile ich mir mit meinen zwei Arbeitskollegen, die mich bei dieser Transaktion ebenfalls unterstützen.“ Hört sich nicht schlecht an, schreibe ich zurück. „Können Sie mir weitere Informationen zur Verfügung stellen?“
Die wollen dich abzocken

Ich sei „wohl bekloppt“, sagt der Kollege, der mir gegenübersitzt. „Das ist die Nigeria-Connection. Die wollen dich abzocken, der Trick ist älter als die Bibel, das gibt nur Ärger.“ Ähnlich pessimistisch argumentiert auch der Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA). Ob Erbschaft, Devisengeschäft oder Ölhandel: Durch horrende Gewinnversprechen würden die Opfer um Vorauszahlungen gebracht, die angeblich für Steuern, Abgaben oder Notargebühren fällig würden. In Berlin ist kürzlich ein Täter festgenommen worden, in Bremen läuft ein großer Strafprozess. 18 Geschädigte werden dort aussagen. Er sei verblüfft, dass es immer wieder Verrückte gebe, die auf diese Masche reinfallen, sagt der LKA-Mann. „Die Opfer haben Dollarscheine in den Augen, die Gier lässt das Hirn aussetzen, eine andere Erklärung gibt es nicht.“

Katastrophen-Gequatsche, denke ich. Zum Glück hat Odogwu geantwortet. Der Herr Becker sei bei einem „Automobile Unfall“ ums Leben gekommen. Und: „Ich verspreche Ihnen, dass diese Transaktion 100% Risiko frei ist.“ Ich müsse nur Namen, Anschrift, Beruf und Alter, Telefonnummer sowie eine Scan-Kopie meines Personalausweises mailen, dann könne er alle gerichtlichen und notariellen Urkunden besorgen: „Damit sind Sie einziger Erbe.“

O. k., antworte ich. Aber eine Scan-Kopie meines Personalausweises? Besser nicht. Im Internet gebe es doch so viele Betrüger. Und überhaupt: „Ist das rechtlich denn in Ordnung, wenn ich das Erbe von Herrn Becker antrete?“ Die Transaktion sei ein „Deal“, antwortet Odogwu. Ich müsse alles vertraulich behandeln, dürfe keinen Dritten einweihen. Für die notwendigen Dokumente in Südafrika seien Zahlungen in Höhe von 36 000 US-Dollar fällig. Die würden er und seine Kollegen übernehmen, keine Frage. Mit den Papieren könnte ich das Geschäft dann in Amsterdam perfekt machen. Dort unterhalte Odogwus Bank eine Auslandsvertretung. Damit die Vertragsunterzeichnung rechtskräftig werde, müsse ich dann lediglich noch „eine Bearbeitungsgebühr von 15 600 Euro bezahlen“.
Rasches Vorgehen

Die Jungs machen Tempo, denke ich. Da klingelt mein Handy. „Hallo, hier ist Richard, Richard Odogwu.“ Super, dass man mal miteinander spricht, sage ich. Er habe das Geld schon besorgt, um die Gebühren in Südafrika zahlen zu können, entgegnet Odogwu. Und gerade eben habe er mit „dem zuständigen Anwaltskonsortium“ gesprochen. Die Dokumente könnten jetzt auch ohne meinen Personalausweis auf mich ausgestellt werden.

Das höre sich ja gut an, entgegne ich. Aber noch was anderes. „Haben Sie schon einmal von der Nigeria-Connection gehört?“ Ja klar, sagt Odogwu. „Betrüger sind das, da müssen Sie vorsichtig sein.“ Er sei aber froh, in mir einen „seriösen und verlässlichen Partner“ gefunden zu haben. „Bestimmt kein Zufall, war Schicksal“, sagt er noch zum Abschied. „Folgend unser Telefon Gespräch und meine letzte E-Mail zu Ihnen“ schreibt Odogwu am darauf folgenden Tag: Die Unterlagen seien übermorgen da. Ich solle beim zuständigen „Beamten“ der Amsterdam-Zweigstelle einen Termin vereinbaren. Aber ich dürfe nicht vergessen, dass die Mitarbeiter in diesem „South African Offshore Payment Center“ nicht wissen, dass er als Drahtzieher „mit dieser Transaktion“ zu tun habe, schreibt Odogwu: „Bitte versuchen Sie sich als der richtige Erbe in Holland zu präsentieren.“

Schon klar, schreibe ich zurück. Damit ich in Amsterdam glaubwürdiger wirke, noch eine Frage: „Könnten Sie mir eventuell ein Foto und einige Daten des Lebenslaufs vom verstorbenen Herrn Becker mailen?“ Wie konnte ich nur so unsensibel sein? „Wo ist denn Ihre Vertrauen gegenüber mich (Ihre Partner)?“, schreibt Odogwu zurück. Ich bräuchte mir doch keine Sorgen zu machen. Er selbst habe sein Geld in diesen Deal investiert, arbeite immer noch bei der Bank: „Und wenn es etwas schief geht, bin ich auf Deutsch gesagt im Asch.“

Er habe Recht mit seiner Kritik, antworte ich per E-Mail. Das würde ich jetzt einsehen. „Denn Geschäfte sind nicht ohne Vertrauen möglich.“ Das Handy klingelt und mein afrikanischer Freund ist dran. Bevor er etwas sagen kann, entschuldige ich mich erneut. „Vertrauen ist in allen Bereichen des Lebens unverzichtbar, beispielsweise bei Partnerschaften“, erlaube ich mir eine persönliche Bemerkung. Odogwu knurrt wie zur Bestätigung und sagt: „Sie müssen jetzt Amsterdam kontaktieren. Zuverlässigkeit ist in dieser Transaktion sehr gefragt.“
Hoffen auf gute Zusammenarbeit

Das Telefonat mit Amsterdam ist kurz und präzise. Der Manager im „Payment Center“ hofft auf eine „gute Zusammenarbeit und ein baldiges Zusammentreffen“. Anschließend kommt eine E-Mail mit dem Betreff „Bestätigte Auszahlung für die Summe von $ 12,5 M Dollars“. Eine Faxanweisung der „Standard Bank“, mir das Geld nach Vertragsunterzeichnung zu überweisen, liege bereits vor. Ich müsse meinen Pass sowie den „obligatorischen Administrationszuschlag von 15 600“ mitbringen. Wenn ich mit dem Auto anreise, würde mich der „Protokoll-Offizier“ der Firma am Victoria Hotel abholen und zum Unternehmenssitz bringen, dessen Anschrift ich jetzt noch nicht wissen dürfe. Diese Sicherheitsmaßnahmen seien notwendig, weil ich das Geld, das bereits in einem Firmentresor hinterlegt sei, einmal kurz anschauen dürfe.

Was wäre, wenn ich es sogar schon mitnehmen dürfte? Kann man so viel Geld überhaupt tragen? Während ich darüber sinniere, schickt Odogwu eine Mail mit den nötigen Kopien: Sterbeurkunde, gerichtliche Bestätigung, dass der verstorbene Herr Becker mein Verwandter war, sowie ein „Freigabe-Zertifikat“ der „Standard Bank“ für das Geld. Die Originaldokumente würde ich in Amsterdam erhalten. Ich bin gerührt. „Hallo Richard“, schreibe ich. „Wenn die Sache erledigt ist, könnten wir doch gemeinsam mal ein Bier trinken. Oder?“

Ich verstehe, dass Herr Odogwu auf meinen Wunsch nicht eingegangen ist. Er hat ja Recht, Geschäft und Privatleben sollte man trennen. Zwecks Terminabsprache erhalte ich in den folgenden Tagen immer wieder Mails und Anrufe. Die Stimmen der Männer, sie klingen mittlerweile so vertraut. „Die machen Druck, damit du ihnen dann irgendwann aus der Hand frisst“, sagt ein Kollege. „Was geht dich das an?“, frage ich zurück. Dann schweige ich. Geheimhaltung, darum hat mich Herr Odogwu gebeten. Ein Penthouse mit Rheinblick, eine Weltreise. Im Geiste überlege ich schon, was ich mit meinen Erbmillionen alles machen könnte.

Mein Kollege kann dann jedenfalls einen anderen nerven, denke ich und lächele. Für den 20. Juni wird schließlich ein Treffen in Amsterdam vereinbart. Ob ich einen Bekannten mitbringen dürfe, frage ich am Tag zuvor. Gehe leider nicht, bekomme ich zur Antwort. Die Security-Abteilung des „Payment-Centers“ habe mir einen „Sicherheitspass“ für den Termin ausgestellt. Ohne dieses Papier dürfe niemand die „Tresor-Sektion“ des Unternehmens betreten. Die Security-Abteilung jedoch brauche mindestens drei Tage für eine „seriöse Recherche“, der Pass für meinen Bekannten sei also zu kurzfristig beantragt worden. „Wir freuen uns jedoch, Sie zur Vorbesprechung im Hotel Victoria begrüßen zu können.“
Fahrt nach Amsterdam mit zwei Kollegen

Auf der Fahrt nach Amsterdam begleiten mich zwei Kollegen. Getarnt als Touristen warten die beiden vor dem Hotel Victoria, als der Anruf kommt. Mit meiner Sonnenbrille bei bewölktem Himmel sehe ich aus wie „Miami Vice für Arme“, denke ich. In der Lobby des Hotels empfängt mich der Mann im Maßanzug. Sein „Protokoll-Offizier“ würde mich abholen und zum „Büro-Hochsicherheitstrakt“ fahren, sagt er.

„Aber erst, wenn ihr Bekannter das Geld gebracht hat.“ Als ich aus dem Hotel gehe, schleiche ich mit meinen Kollegen zum Auto. Wir fahren zurück nach Köln. „Der Bekannte mit dem Geld hat mich hängen lassen, ist einfach nicht gekommen“, erkläre ich meinen empörten Geschäftspartnern abends am Handy. Weil mir die Situation so unendlich peinlich gewesen sei, wäre ich wieder nach Hause gefahren.

Puh! Ich bin froh, als ich höre, dass ich noch eine letzte Chance bekomme. Odogwu schaltet sich ein. „Bitte versuchen Sie jetzt, wie ein Mann zu handeln“, redet er mir per E-Mail ins Gewissen. Ich müsse das Geld für die Gebühr so schnell wie möglich besorgen. Ja, ja, stimme ich ihm zu. Ich wolle doch auch, dass es vorangeht. „Könnten Sie mir die 15 600 Euro eventuell leihen? Ich würde es Ihnen dann aus der Erbschaft zurückzahlen“, schreibe ich. Und noch eine letzte Frage: Ich hätte in der Telefonzentrale seiner Bank angerufen: „Wieso kennt Sie dort niemand?“

Er habe leider kein Geld mehr, sonst würde er es mir selbstverständlich sofort geben, antwortet Odogwu. Ich müsse endlich anfangen, ihm zu vertrauen. Er sei seit 25 Jahren bei seiner Bank. Aber nicht in der Hauptverwaltung, sondern in einer Filiale.
Herr Becker hat nie existiert

Klar doch, da konnte ihn die Telefondame doch gar nicht kennen, denke ich. Mit E-Mails und Anrufen versuchen meine Geschäftspartner in den folgenden Tagen, meine Zahlungsmoral zu beflügeln. Schön, wenn man emotionale Unterstützung hat, denke ich. Meine Recherchen ergeben zwar, dass es den angeblich verstorbenen Herrn Becker nie gegeben hat. Dass es noch nicht einmal das Haus gibt, in dem er laut Odogwus Dokumenten gelebt haben soll. Dass in den Papieren fast alle Straßenangaben falsch sind. Dass die in der Todesurkunde angegebene „National Population Commission“ sowie das „Johannesburg District Council“ nicht existieren. Dass das „Federal Ministry of Justice“ in Wirklichkeit nur „Ministry of Justice“ heißt. Dass es keinen „High Court of Johannesburg“ gibt und keinen Anwalt namens Tomi, der die Erklärung angeblich unterzeichnet hat. Bei der „Standard Bank“ weiß niemand etwas von einem „Offshore Payment Center“ in Amsterdam. Es gäbe zwar Provinzdirektoren, aber diese verwalten keine Konten und ein Herr Richard Odogwu, so erklärte ein Banksprecher, „ist definitiv nicht bei uns beschäftigt“.

„Missverständnisse, lauter Missverständnisse, die lassen sich bestimmt leicht aufklären“, spreche ich mir selber Mut zu. Vom gegenüberliegenden Schreibtisch ist Lachen zu hören.

„Ihr werdet schon sehen“, sage ich trotzig. In einer E-Mail habe ich Herrn Odogwu die kleinen Ungereimtheiten geschildert. Er kann sie bestimmt erklären, da bin ich sicher. Er hatte nur noch keine Zeit, mir zu antworten.